Alexander der Große – Welterkundung als Welteroberungby Hans-Joachim Gehrke

Klio

About

Year
2011
DOI
10.1524/klio.2011.0003
Subject
History / Classics

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Text

Hans-Joachim Gehrke (Berlin)

Alexander der Große – Welterkundung als Welteroberung

Die dramatischen Vera¨nderungen, die Alexanders wahrhaft unglaublicher Eroberungszug im Machtgefu¨ge seiner Welt hervorrief, wirkten sich auch auf den griechischen Vorstellungshorizont aus.1 Die Welt, die die Griechen im Kopf hatten, wurde schlicht gro¨ßer, ja, sie erhielt jetzt eine greifbare Gestalt. Das wurde nicht zuletzt auch dadurch gefo¨rdert, daß ein Teil des Zuges selbst der geographischen Erkundung gewidmet war. Freilich, bei genauem Zusehen, war dies so vo¨llig neu keineswegs: Schon zweihundert Jahre zuvor hatten Griechen die Welt bereits erobert, nicht konkret und machtpolitisch-milita¨risch, wohl aber geistig-abstrakt, wenngleich wohl in Anlehnung an die Weisheit des Orients, wo man die ganze Welt als Herrschaftsgebiet bereits im Auge hatte, deren unbekannte

Teile erkunden ließ und sie selbst in symbolischer Form kartierte.

So schauten auch Griechen auf eine ganze Welt, nicht Herrscher und Eroberer freilich, sondern Gelehrte und Philosophen, Mathematiker und Naturforscher. Mit den Regeln der Geometrie wurde diese Welt konstruiert, erstmals von Anaximandros von Milet im 6. Jahrhundert, und mit empirisch ermittelten Namen und Daten, von Vo¨lkern und Flu¨ssen, Gebirgen und Meeren, wurde sie ausgefu¨llt, erstmals von Hekataios von Milet wenig spa¨ter. Dabei wurden auch von orientalischen Herrschern organisierte Erkundungsfahrten wie die des Karers Skylax vom Indus in den Persischen Golf unter Dareios I. am

Ende des 6. Jahrhunderts beru¨cksichtigt.2

Griechische Intellektuelle postulierten schon zu jener Zeit die Kugelgestalt der Erde und pra¨zisierten immer mehr – sowohl empirisch als auch geometrisch – den Teil, den sie selber kannten oder von dem sie Kunde erhielten, durch Augenschein und vom Ho¨rensagen, o´psis und akoeˆ, die „bewohnte“ Erde (oikume´ne¯). Die Arbeit daran nannten sie „Forschung“, genauer „Wissenwollen“: historı´e¯. Immer hatten sie dabei die ganze Welt im

Blick, fla¨chig-zweidimensional, konstruiert nach den glasklaren Regeln und pra¨zisen FiguKLIO 93 2011 1 52– 65 1 Es handelt sich um die ausfu¨hrliche Version meines gleich betitelten Beitrags zum Katalog der Ausstellung:

Alexander der Große und die ffnung der Welt – Asiens Kulturen im Wandel, Mannheim 2009, 24– 31.

Die hier vorgetragenen Beobachtungen und berlegungen beru¨hren sich in vieler Hinsicht mit dem wichtigen Beitrag von Geus (2003). Zu Alexander unter diesem Aspekt waren mir, neben der Konsultation der besonders wichtigen Kommentare von Hamilton (1969) und Bosworth (1980/1985), vor allem Endres (1923); Ehrenberg (1965); Schachermeyr (1973) (bes. 87ff. 337f. 396ff. 442ff. 466ff. 654ff.); Karttunen (1977); Lauffer (1981) (bes. 116. 121. 140. 150. 157. 177. 182f.); Bosworth (1996) und Lane Fox (2004) (bes. 436f. 447ff.) hilfreich. Zu Alexander in Indien vgl. auch die Sammlung von Hahn (2000), und zu meinem Alexanderbild s. Gehrke (2008). Die Arbeit an der la¨ngeren Fassung profitierte auch vom intensiven

Gedankenaustausch mit meiner Mitarbeiterin Veronica Bucciantini, einer vorzu¨glichen Kennerin des Nearchos und seines geographischen Hintergrundes. Ihr verdanke ich zusa¨tzliche Hinweise. 2 Hierzu und zum Folgenden s. Gehrke (1998), ders. (2007).

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Download Date | 6/7/14 9:52 PM ren der „Land“- und „Erdvermessung“, Geometrie eben. Diese gab den Rahmen, einen

Gesamtrahmen, vor. Griechische Denker haben damit den Grund gelegt fu¨r die moderne wissenschaftliche Geographie, die die Fu¨lle ihrer empirischen Naturbeobachtungen und immer weiter verfeinerten Vermessungen und Erkundungen ebenfalls mathematisch ordnet, sortiert und kartiert. Noch das Gradnetz unseres Globus ist ein deutliches Zeichen dieser Verbindung.

Der geometrisch-kartographische Blick auf die ganze Welt war allerdings zuna¨chst noch extrem schematisch. Die Figuren, mit denen man im mathematischen Sinne korrekt umgehen konnte, waren Geraden und Rechtecke, Dreiecke und Kreise, allenfalls Trapeze.

Diese Sicht war zudem ganz wesentlich auf die engen Zirkel der Intellektuellen beschra¨nkt. Die allta¨gliche, sozusagen normale Sicht der Griechen war, wie die entsprechende Sicht unserer Spezies generell, hodologisch-linear, eindimensional und operierte in gleichsam innerweltlicher Perspektive, mit relationalen Angaben (davor und danach, oberhalb und unterhalb) und Zeitangaben als Entfernungsmesser (Tagereisen). Sie war von der der Gelehrten durch einen prinzipiellen Hiatus getrennt. ,Laien‘ verstanden diese einfach u¨berhaupt nicht. Eine Partie aus der Komo¨die „Die Wolken“ des attischen Dichters Aristophanes (200– 218) thematisiert diese Kluft:

Ein athenischer ,Normalbu¨rger‘ erfa¨hrt in dem „Denklabor“ (phrontisteˆrion) des Sokrates, in dem alle Varianten intellektuell-philosophischer Ta¨tigkeit praktiziert werden, zuna¨chst etwas u¨ber Geometrie. Dabei denkt er ganz konkret-praktisch an Landvermessung und damit an Landverteilung an bedu¨rftige Athener. Die erkla¨rende Bemerkung, es ginge bei der Geometrie um „die gesamte Erde“, bezeichnet er in diesem Sinne – eine witzige Kritik am athenischen Imperialismus – als „volksfreundlich“ und „nu¨tzlich“. Zur besseren Unterrichtung wird er dann mit einer Erdkarte konfrontiert. Bei deren Pra¨sentation zeigt sich, daß er sie nicht lesen kann, sondern ebenfalls ganz konkret nimmt, wie ein Kind. Zuletzt postuliert er sogar, daß Sparta von Athen weiter entfernt werden mu¨sse, denn beide Staaten befanden sich im Krieg (das Stu¨ck wurde 423 aufgefu¨hrt). Kartographisch funktioniert das nicht, worauf ,Otto Normalverbraucher‘ aggressiv reagiert.

Im 6. und 5. Jahrhundert la¨ßt sich also eine grundsa¨tzliche Trennung von Theorie und

Praxis in der Raumorientierung der Griechen konstatieren. Daß diese bestehen blieb, ist zuna¨chst durchaus plausibel, weil man vergleichbare Beobachtungen auch in anderen