Auch Dionysisches und »Zeitloses« altertby Frieder Reininghaus

Österreichische Musikzeitschrift

About

Year
2013
DOI
10.7767/omz.2013.68.3.118
Subject
Music

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Text

118 Zu guter letZt

Auch Dionysisches und »Zeitloses« altert

Neue Musik wurde historisch auf elysischen Feldern, die noch Ende des 20. Jahrhunderts als

Domänen des ›Fortschritts‹ gehandelt wurden. Dazu gehören die neueren Arbeiten für das

Musiktheater von Wolfgang Rihm, nach Übereinkunft der Fachkreise der gewichtigste der in Mitteleuropa wirkenden Komponisten der obersten Subventionsklasse. Zuletzt ergötzte

Rihm mit der Sopran-Soloszene Proserpina, uraufgeführt in Schwetzingen, und mit Dionysos in Salzburg – zwei Werke zum Allein- und Einzigsein. Das eine, nach Goethe, zur Einsamkeit der Frau, das andere zu der eines Mannes. Bei letzterem stützte sich der belesene Tonschöpfer auf die späten Dionysos-Dithyramben von Nietzsche. Handverlesene Musikologen attestierten dem Meister, noch bevor sein Werk die Bühne erreichte, dass ihm da neuerlich ein »Wurf« gelungen sei. Sie meinten es gut mit ihm: Er hab da »Zeitloses« bzw. »Überzeitliches« geschaffen – passend zum »Übermenschlichen« (und schon ziemlich in der Nähe des Göttlichen). Zur Ironie der Welt- und Kulturgeschichte freilich gehört, dass dies besonders luftige und launische Zonen berührt. Denn alles Vergötterte kann ebenso stürzen oder gestürzt werden wie der Kaiser, der Tribun oder der eher hundsgewöhnliche Machthaber. Und Denkmäler werden dann gegebenenfalls ins Depot verschoben. Doch die Nietzsche-Großtat weist in die

Gegenrichtung: Eher wird auch in Salzburg zu den Karajan- und Strauss-Büsten noch eine von

Rihm gestellt.

Ein »Wurf« also. Fürwahr! Dass dergleichen schon Hugo von Hofmannsthal und dem von

Thomas Mann als »Kegelbruder« apostrophierten Richard Strauss, zweien der Gründer der

Festspiele an der Salzach, nach dem Erscheinen ihres kräftig nostalgisch getönten Rosenkavaliers vom Philosophen Ernst Bloch attestiert wurde, wirft die Frage auf, wie weit Parallelitäten hinsichtlich der Schaffens- und Erscheinungsweisen von Rihm und Strauss tatsächlich reichen. Immerhin sei Strauss »weiterhin gesinnungslos« und nehme »sein Material, wo er es findet; aber zu Zeiten findet er auch etwas Gutes«. Der Festspiel-Vordenker Hofmannsthal aber ordnete die dann auch für Salzburg so bedeutsame Oper zur Liebe in Zeiten der Königin Maria Theresia in sein Konzept »schöpferischer Restauration« ein. Welch eine Koinzidenz!

Denn Strauss, so Bloch, »überrascht zum großen Teil nur deshalb, weil er sich im Grund nicht entwickelt« (Geist der Utopie, S. 91).

Rihm verwies im Vorfeld der Dionysos-Uraufführung darauf, dass er die sechs Szenen zum zweitletzten Lebensabschnitt Nietzsches in kurzer Zeit zu Papier gebracht habe – zwischen dem 6.12.2009, 9 Uhr in der Frühe, als ihm Frauenlachen ins innere Ohr kam, und Mai 2010:

Szenen zunächst zur unerfüllten erotischen Obsession des Philologen und Philosophen hinsichtlich der multifunktionalen Cosima von Bülow (geb. de Flavigny): »Ich bin dein Labyrinth«.

Dann zur Einsamkeit des Gebirges, inklusive Unwetter und Absturzgefahr, zu den Besuchen zu guTer LeTzT

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Download Date | 6/12/15 2:17 PM 119ÖMZ 68 /3 | 2013 in Salon und Bordell bei vier Esmeralden. Schließlich zur Konfrontation mit dem für Gesang zuständigen Gott Apollon, der dem Denker die Haut abzieht – und die ist dann Zeuge, wie in

Turin das legendäre Pferd geschlagen wird und der Gaul mitsamt der Pelle in Ariadnes Arme sinkt. Nichts weniger als »die Wahrheit«, heißt es, sei gefunden.

Rihm hat, gestützt auf Aphorismen, ein reflektiertes Oratorium mit changierenden Partien und differenzierten Fließgeschwindigkeiten geliefert, das sich zu Theater erheben ließ. Der

Sound erwies sich als vielgestaltig, süffig oder immer noch kantig, mancherorts parodistisch oder sogar grell grimassierend. Da fanden sich kurze Anflüge von Rheingold-Glanz, hinreißende Sirenengesänge am Abgrund, Fortschreibungen der Proserpina-Sopranlineatur, eindringliches Trommeln in der heraufziehenden Nacht (auch unter Einsatz der aus der Karibik stammenden Steel Drum), leicht schlüpfriges Zungenspiel, aufgewühlte Bach-Überschreibungen mit Chor-Wucht, Mahler-Reminiszenzen, sogar feinfühlige Weill-Adaptionen. Vor allem aber wunderbare »Straussiana« – bis hin zum Rückgriff auf die Alpensinfonie, Echolote und Terzenseligkeit. In Salzburg kommt dergleichen allemal gut an (und Rihm will im emphatischen

Sinn gefallen, jenseits aller »Gesinnungen«). Auch er überrascht zum großen Teil nur deshalb, weil er sich im Grunde nicht entwickelt.

Dem Komponisten wurde in der Packungsbeilage großformatig »visionäre Geistigkeit« bescheinigt. Doch profiliert sich dieser offensichtlich mit großer Arbeitsdisziplin produzierende

Tonsetzer in auffälligerem Maß durch »handgreiflichen Zugriff auf das Material im Kompositionsprozess« (Ulrich Mosch). Die Philologie späterer Zeiten wird vermutlich herausfinden, wie der Komponist en détail produzierte – nicht zuletzt vermittels »dazuschreiben«. Das geht dann so: Der Meister lässt sich Passagen von bereits vorhandenen Arbeiten in mehr oder minder reduzierter Form ausdrucken und ergänzt das Vorfindliche. Das mag auch die Schreibleistung für eine Partitur, die zwei Aufführungsstunden in Anspruch nimmt, in knapp sechs

Monaten erklären (und ist urheberrechtlich unbedenklich, solange der Autor eigene Werke paraphrasiert).

Rihm kredenzte erfahrungsgesättigte Tonkunst vor dem Ruhestand: Das Dionysische streng im Rahmen der Brandschutzverordnung. Es ist, als hätte sich einer, der weiß, wie schwer er sich stets mit der Emotion in seiner Kunst tat, aus gutem Kalkül auf ein Thema gesetzt. Dessen vitale Sachwalter sind allerdings eher auf einer Love Parade zu finden und müssen, wie dies beim Dionysischen stets drohte, gegebenenfalls das Leben lassen für die

Obsession (wie 2010 in Duisburg). Der Schwergewichtsmeister aber entrückt schon vor der

Zeit ins »Zeitlose«. Mag sein, dass dies langsamer altert als mit weniger Ambitionen behaftete