Berlin, 1929-1932: Eine autobiographische Skizze von Carl Andresenby Christoph Markschies

Zeitschrift für Antikes Christentum / Journal of Ancient Christianity

About

Year
2012
DOI
10.1515/zac-2012-0002
Subject
History / Classics / Religious studies

Text

Berlin, 1929-1932:

Eine autobiographische Skizze von Carl Andresen

Herausgegeben von Christoph Markschies1

Lehrstuhl für Ältere Kirchengeschichte, Theologische Fakultät, Humboldt-Universität zu

Berlin, Burgstr. 26, 10178 Berlin, Email: christoph.markschies@rz.hu-berlin.de

Ich schätze mich glücklich, durch Walther Eltester, der das methodische

Erziehungsprogramm seines Lehrers Hans Lietzmann vollendet verkörperte (ZNW 68, 1977, 1),2 in die Patristik einge führt worden zu sein. Da

Eltester in meinen Berliner Jahren noch nicht habilitiert war, zeigte er im

WS 1929/30 unter Lietzmanns Namen ein kirchengeschichtliches Proseminar zum „Zweiten Clemensbrief“ an. Diese frühchristliche Predigt aus

Alexandrien sollte dann in meiner persönlichen Forschung eine wichtige

Rolle spielen. Ebenso taucht auch Walther Eltesters Name in meiner Biographie regelmäßig auf: Er steht an den wichtigen Knotenpunkten meines akademischen Werdeganges.

Ihm verdanke ich die Einstellung als wissenschaftlicher Mit arbeiter in der Berliner Kirchenväterkommission. Ich glaube, darin eine kleine

Anerkennung meines Einsatzes innerhalb seines Pro seminares erblicken zu dürfen. In ähnlicher Weise darf ich vielleicht auch eine positive Bewertung meiner Tätigkeit innerhalb der Kirchenväterkommission durch ihn verstehen. Jedenfalls war es keine Selbstverständlichkeit, daß er nach einem langen Intervall gegenseitigen Schweigens von 20 Jahren sofort bereit war, meine Kieler Dissertation als Justinaufsatz in der ZNW 44, 1952/3, 157-195, aufzunehmen3. Seinem persönlichen Engagement, wie ich einmal von Kurt Aland hörte, habe ich es zu danken, daß auch meine 1 Die Fußnoten zu dem Text, dessen Veröffentlichung dankenswerterweise Frau Ingeborg

Andresen gestattete, wurden von Christoph Markschies hinzugefügt und beschränken sich auf einige allgemeine Nachweise; eine vollständige Dokumentation zu den behandelten

Personen und antiken Texten ist nicht intendiert. Der Text entstand in den Jahren zwischen 1982 und 1985, war von Andresen noch zu Zeiten der alten DDR der einstigen

Berliner Kirchenväterkommission zur Verfügung gestellt worden und fand sich vor einiger Zeit unter den Materialien der Arbeitsstelle „Griechische Christliche Schriftsteller“ der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften. Die Rechtschreibung und

Zeichensetzung folgen – bis auf wenige offenkundige Versehen – dem Original. 2 Carl Andresen, „Nachruf auf Walther Eltester,“ ZNW 68 (1977): 1. 3 Carl Andresen, „Justin und der mittlere Platonismus,“ ZNW 44 (1952/1953): 157-195, wieder abgedruckt in: idem, Theologie und Kirche im Horizont der Antike: Gesammelte

Aufsätze zur Geschichte der Alten Kirche (hg. von P. Gemeinhardt; AKG 112; Berlin: de

Gruyter, 2009), 1-35.

ZAC, vol. 16, pp. 11-24 DOI 10.1515/zac-2012-0002 © Walter de Gruyter 2012

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Download Date | 2/9/15 6:58 PM 12 Christoph Markschies

Habilitations schrift in den „Arbeiten zur Kirchengeschichte“ unter dem

Titel „Logos und Nomos“ erscheinen konnte4. Dieses Werk kam gerade recht zeitig heraus (Ende 1955), als ich bereits in Marburg ein Wintersemester lang Herrn Eltester sozusagen im Probesemestervertrag vertrat.

Endlich habe ich einen krönenden Abschluß meiner Beziehungen zu Herrn

Eltester darin gesehen, daß man mich in Tübingen als Nachfolger „primo loco“ benannte5. Über Eltester kam ich also zu Lietzmann! Nach dem bisher Gesagten konnte damit kein Qualitätsunterschied im akademischen Lernprozeß verbun den sein. Umso bewundernswerter war die Konsequenz Lietzmann’scher Methode, nur Einblicke in die Werkstattarbeit zu vermitteln.

Zu bewundern war sie nicht zuletzt deshalb, weil auf diese Weise ein international anerkannter Wissenschaftler sich selbst vor der Masse der

Studenten abschirmte6.

Die Massen fühlten sich von der ideengeschichtlichen Methode Erich

Seebergs angezogen7. Dieser konnte sich ihrer nur so er wehren, daß er Klausuren zwecks Aufnahme in das Hauptseminar (numerus clausus) schreiben ließ. Solcher elitären Methode ent sprach der Geist, der die Sitzungen

Seeberg’scher „Hauptseminare“ beherrschte. Man fühlte sich als „Elite“, war aber de facto in geistige Abhängigkeit vom Führer8 in die höheren

Welten des Geistes geraten.

Die Freigabe eigenständiger (theologischer oder philosophischer) Denkungsart bei seinen Schülern war eindeutiger Ausdruck der liberalen Gesinnungsweise von Hans Lietzmann. Für sich selbst hatte er klare Position bezogen. So lehnte er für die Interpretation aller Texte, auch der religiösen, 4 Carl Andresen, Logos und Nomos: Die Polemik des Kelsos wider das Christentum (AKG 30; Berlin: de Gruyter, 1955). 5 Die Stelle wurde nach der Ablehnung des Rufes durch Andresen mit Eltesters Assistenten

Ulrich Wickert (1927-2009) besetzt. Wickert lehrte in Tübingen von 1967-1973 und wechselte dann nach Berlin (West) an die dortige Kirchliche Hochschule. Nach seinem

Tode wurden Memoiren veröffentlicht, die auch Auskunft über die Tübinger Jahre Wickerts in dessen Sicht geben: Ulrich Wickert, Heller als die Sonne: Ein Stationenweg:

Autobiographische Notizen (Vallendar, Schönstatt: Patris Verlag, 2009). 6 Interessanterweise berichtete der frühere Tübinger Stiftsephorus und Ordinarius für Neues

Testament an der Eberhard-Karls-Universität Friedrich Lang (1913-2004) Gegenteiliges aus seiner Berliner Studienzeit: Lietzmann habe gern seine Studierenden in das Restaurant Aschinger am Bahnhof Friedrichstraße eingeladen und sei ebenso umgänglich wie freundlich gewesen (Gespräch mit C.M., Tübingen, Mai 1993). 7 Vgl. dazu Thomas Kaufmann, „ ‚Anpassung‘ als historiographisches und als theologiepolitisches Programm: Der Kirchenhistoriker Erich Seeberg in der Zeit der Weimarer Republik und des ‚Dritten Reiches,‘ “ in Evangelische Kirchenhistoriker im „Dritten Reich“ (hg. von T. Kaufmann und H. Oelke; Veröffentlichungen der Wissenschaftlichen Gesellschaft für Theologie 21; Gütersloh: Gütersloher Verlagshaus, 2002), 122-272. – Der spätere