Franz von Papen an Adolf Hitlerby André Postert, Rainer Orth

Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte

About

Year
2015
DOI
10.1515/vfzg-2015-0014
Subject
History

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Adolf Hitler

Authors:
Gerhard L. Weinberg, John Toland
1977

Powerful Literacies

Authors:
Uta Papen
2003

Text

VfZ 63 (2015) H.2 © Walter de Gruyter GmbH 2015 DOI 10.1515/vfzg-2015-0014 259

Franz von Papens Bild in der Geschichte ist nicht zu retten. Auch die hier präsentierten, bisher nur in Auszügen bekannten Briefe an Hitler vom Sommer 1934 werden an diesem Befund nichts ändern. Historisch uninteressant sind sie dennoch nicht, wie André Postert und Rainer Orth zeigen. In ihnen spiegeln sich die letzten Rückzugsgefechte und Hoffnungen des jungkonservativen Lagers, die taktische

Schläue Hitlers und – erneut – die Naivität von Papens, die allerdings nicht umstandslos mit Feigheit und Unterwürfigkeit gleichgesetzt werden kann. Ganz einfach war seine Lage nach der „Marburger Rede“ vom 17. Juni und nach dem „Röhm-Putsch“ ja nicht.  nnnn

André Postert und Rainer Orth

Franz von Papen an Adolf Hitler

Briefe im Sommer 1934

I. Die Anklage

Als sich Franz von Papen 1946 im Nürnberger Hauptkriegsverbrecherprozess verantworten musste, sah er sich mit Anklagepunkten von enormer Tragweite konfrontiert: Er habe, so argumentierte der britische Stab um Sir Hartley Shawcross, dem Nationalsozialismus 1933 zur Macht verholfen, die Regierung Hitler in seiner Funktion als Vizekanzler nach Kräften unterstützt und so den Weg in die NSDiktatur gebahnt1. Zur Untermauerung der Anklage zog David M. Fyfe, stellvertretender britischer Chefankläger, am 18. Juni 1946 mehrere Briefe heran, die Papen an Hitler zwischen dem 18. und 26. Juli 1934 geschrieben hatte – unmittelbar vor und nach den Mordaktionen im Zuge des sogenannten Röhm-Putsches. Auszüge daraus sollten untermauern, dass Papen in der Zeit seiner Vizekanzlerschaft bereitwillig den „Kopf einer Mörderbande“ stützte und, was noch schwerer wog, in einem Moment zu Hitler hielt, als er das Regime möglicherweise hätte zu Fall bringen können2. Offenkundig von der Beweisführung überrumpelt, manövrierte 1 Anklageschrift, Anhang A: Papen, in: Der Prozeß gegen die Hauptkriegsverbrecher vor dem

Internationalen Gerichtshof Nürnberg, Bd. 1, Nürnberg 1947, S. 80: „Der Angeklagte PAPEN machte von seinen obengenannten Ämtern, seinem persönlichen Einfluß und seiner engen

Verbindung mit dem Führer in solcher Weise Gebrauch: Daß er, wie in Anklagepunkt Eins angeführt, den Machtantritt der Nazi-Verschwörer förderte und an der Festigung ihrer Macht über Deutschland teilnahm; er förderte, wie in Anklagepunkt Eins angeführt, die Vorbereitungen für den Krieg und beteiligte sich, wie in Anklagepunkten Eins und Zwei angeführt, an der politischen Planung und Vorbereitung der Nazi-Verschwörer für Angriffskriege und solche Kriege, die eine Verletzung von internationalen Verträgen, Abkommen und Zusicherungen darstellen.“ 2 Trial of the Major War Criminals Before the International Military Tribunal, Nuremberg 14

November 1945–1 October 1946, Bd. 16: Proceedings 11 June 1946–24 June 1946, Nürnberg 1948, S. 363 (Tag 157, 18. 6. 1946): „I am putting to you quite clearly that all you cared about was your own personal position, your dignity being restored. You were prepared to serve these

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VfZ 2/2015 260 Dokumentation sich Papen mit zum Teil widersprüchlichen Aussagen unfreiwillig in eine schwierige Lage. Die Briefe an Hitler waren durchzogen von langen Passagen mit Loyalitäts- und Treueversicherungen. Mit den eigenen Worten konfrontiert, erklärte

Papen, er habe nach den Röhmputsch-Morden jeden Zweifel an seiner politischen

Integrität auszuräumen versucht. Zudem sei er im Glauben gewesen, Hitlers Politik würde Deutschland nicht zum Nachteil gereichen3. Das war genau die Antwort, die Fyfe hatte hören wollen.

Es bedurfte erneuter Einsicht in die eigenen Schriftstücke und möglicherweise einer Rücksprache mit seinem Verteidiger Egon Kubuschok, ehe er dem Gericht am Tag danach eine für ihn günstigere Lesart der Dokumente mitteilen konnte; nun sollten die Briefe zeigen, dass Papen während der „hysterischen Atmosphäre“ des frühen Juli 1934 die vorangegangene „Nacht der langen Messer“ als Willkürakt zu entlarven und die Verantwortlichen dafür ihrer gerechten Strafe zuzuführen suchte. Die langen Passagen der Schmeicheleien seien rein taktisch motiviert gewesen4. Unterschiedlicher hätten die Interpretationen von Anklage und Verteidigung nicht ausfallen können. Papen, wenig souverän in seinen Antworten, trug mit seinem unglücklichen Auftritt vor Gericht viel dazu bei, dass seine Briefe später als Dokumente ehrloser Unterwürfigkeit oder charakterlicher Willensschwäche gelesen wurden.

Ihr vollständiger Inhalt ist freilich nur wenigen Interessierten bekannt gewesen; je nach Sympathie, politischer Auffassung und historiografischer Lagerzugehörigkeit haben einzelne Auszüge ganz unterschiedliche Urteile nach sich gezogen. Die Originale mit den handschriftlichen Korrekturen Papens, die während des Prozesses verlesen wurden, werden im Sonderarchiv Moskau verwahrt, die

Reinschriften, die Hitler erhielt, im Bundesarchiv5. Ein wichtiger Teil des in Moskau liegenden Papen-Nachlasses muss bis auf Weiteres als verschollen eingestuft murderers so long as your own dignity was put right”; ebenda, S. 364: “Herr Von Papen, if you, as an Ex-Chancellor of the Reich and, as you said yourself, one of the leading Catholic laymen of Germany, an ex-officer of the Imperial Army, had said at that time ‘I am not going to be associated with murder, cold-blooded murder as an instrument of policy’, you might at some risk to yourself have brought down the whole of this rotten regime, might you not?” 3 Ebenda, S. 360. 4 Ebenda, S. 416–419 (Tag 158, 19. 6. 1946). 5 Die Reinschriften befinden sich in den Akten der „Adjutantur des Führers“, in: Bundesarchiv Berlin (künftig: BArch), NS 10/50, Bl. 15–26. Die meisten privaten Akten Papens gingen 1945 in sowjetischen Besitz über. Spätestens in den 1950er Jahren wurden sie dem Sonderarchiv Moskau, einem Spezialarchiv zur Verwahrung deutscher Beuteakten zugeführt. 1999 wurde das Sonderarchiv institutionell dem Russischen Staatlichen Militärarchiv – Rossijskij gosudarstvennyi voennyi archiv (künftig: RGVA) angegliedert, innerhalb desselben es als autonome Dienststelle mit eigenem Standort existiert. Papens Nachlass wird seither als Fond 703k (Franz von Papen) verwahrt. Der Bestand umfasst 65 Akten. Kopien von 19 dieser Akten wurden von der russischen Regierung nach 1990 dem Bundesarchiv in Koblenz zur Verfügung gestellt, das diese Unterlagen unter der Signatur N 1649 zu einem eigenen Bestand („Nachlass Franz von Papen“) zusammenstellte. Die Koblenzer Akten umfassen jedoch kaum